Kapelle Unterliezheim von John Pawson

Dank dem Entgegenkommen der Bayerischen Staatsforsten und der Gemeinde Lutzingen war es möglich, am Radweg von Unterliezheim nach Finningen oberhalb der Mühle eine aus dem Wald herauswachsende Kapelle zu errichten. Mein besonderer Dank gilt dem dänischen Unternehmen Dinesen, das für den Bau der Kapelle 40 Stämme Douglasie aus dem Schwarzwald mit einer Länge von etwa 12,5 m und einem Durchmesser von 90 cm (ca. 100 ccm) zur Verfügung gestellt hat.

John Pawson zeichnet die Kunst des Weglassens aus. Tür, Bank, Fenster, Kreuz: weniger geht nicht. Verzahnung mit Wald und Landschaft, von Gehen und Innehalten, Hell und Dunkel, Riechen, Fühlen und Sehen: mehr ist nicht möglich. Leere und Dichte als Resonanzraum für das Heilige. Monumental und zugleich völlig selbstverständlich und natürlich: geschichtete Baumstämme. Die Kapelle lädt zum Besuch ein.

Dr. Peter Fassl

‘I went to the woods because I wished to live deliberately,
to front only the essential facts of life,
and see if I could not learn what it had to teach, and not,
when I came to die, discover that I had not lived.’

Henry David Thoreau, Walden

Set on a hillside on the very cusp of the forest, with sweeping views across the Swabian landscape and a clear sight line to the church tower of the village of Unterliezheim, the intention is that people encounter the wooden chapel as a found object, rather than as a conventional work of architecture. A small path branching off the main trails leads to its entrance, located at the transitional point between woodland and open ground.

The structure itself is framed as the simplest of gestures. From certain perspectives its mass appears as a pile of logs stacked up to dry; from others the considered placement of the elements on a concrete plinth creates a more formal impression of a piece of sculpture emerging from the forest.

The purposefully narrow entry maintains the sense of physical proximity encountered as one moves through the dense woods, adding visceral and visual theatre to the exhilarating experience of passing into an attenuated space over seven metres high and nearly nine metres long. Light levels are deliberately low, with a narrow beam of natural light entering from above, through a small aperture near roof level. The dimness of the environment helps focus attention on the two other sources of light at the far end of the chapel: on the elevated cruciform opening and the structure’s single window.

A slender bench offers an invitation to pause – for a moment of inward reflection and also to contemplate the rich but rigorously restrained interior world of the chapel, the outward view it frames across the landscape and the sustained counterpoint of compression and expansion that lies at the heart of this architectural composition. When a single material predominates, there is scope to inhabit that material in a sensorily immersive way – by touch, sight, smell and even sound, since the character of a surface affects the character of an acoustic. Inside the chapel the glory of the cut timber is immediate – in its warm hues, tactile surfaces and the patterns of the sawn grain. Outside, where the timber has been subjected to the minimum intervention and where time and the weather will each contribute to a process of ongoing physical change, the structure will carry in perpetuity a powerful memory of the forest from which it has been formed.

Alison Morris

Deutsch

Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte.

Henry David Thoreau, Walden

Durch die Lage an einem Hang an der Spitze des Waldes, mit einem herrlichen Blick über die schwäbische Landschaft und mit einer klaren Blickachse zum Kirchturm des Dorfes Unterliezheim, wird schnell die Absicht klar, dass die Menschen die Holzkapelle nicht als ein konventionelles Architekturwerk, sondern eher als ein Fundstück begreifen sollen. Ein kleiner Pfad, der von den Hauptwegen abzweigt, führt zu ihrem Eingang, der sich in der Nähe des Übergangs zwischen Wald und freier Fläche befindet. Der Bau selbst erscheint als eine der einfachsten Gesten. Aus einem bestimmten Blickwinkel wirkt die Masse des Baus wie ein Stapel zum Trocknen übereinandergestapelter Stämme; aus einer anderen Perspektive erwecken die überlegte Platzierung der einzelnen Elemente auf einem Betonsockel den Eindruck einer Skulptur, die aus dem Wald herausragt.

Der bewusst schmale Eingang bewahrt das Gefühl der physischen Enge, das man erlebt, wenn man sich durch die dichten Wälder bewegt. Zu dem dramatischen Erlebnis hinüberzugehen in einen eher gedämpften Raum, der über sieben Meter hoch und fast neun Meter lang ist, fügt es ein viszerales und visuelles Theater hinzu. Die Lichtverhältnisse sind bewusst niedrig gehalten, nur ein schmaler Lichtstrahl von natürlichem Licht tritt von oben durch eine kleine Öffnung in der Nähe des Daches ein. Die düstere Umgebung hilft, die Aufmerksamkeit auf die beiden Lichtquellen am anderen Ende der Kapelle zu richten: die erhöhte kreuzförmige Öffnung sowie das einzige Fenster des Bauwerks.

Eine schmale Bank lädt zum Innehalten ein – für einen Moment der inneren Reflexion, für die Betrachtung der reichhaltigen, aber streng zurückhaltenden Innenwelt der Kapelle, den gerahmten Blick nach außen über die Landschaft und den anhaltenden Gegenpol von Kompression und Expansion, der das Herzstück dieser architektonischen Komposition bildet. Wenn ein einzelnes Material vorherrscht, schafft es Raum für eine Wahrnehmung dieses Materials in einer sensorisch einnehmenden Weise – durch Fühlen, Sehen, Riechen und sogar den Klang. In der Kapelle ist die Pracht des Schnittholzes sofort spürbar – seine warmen Farbtöne, die haptischen Oberflächen und die Muster der gesägten Maserung. Außen, wo das Holz belassen und nur einem minimalen Eingriff ausgesetzt wurde, werden Zeit und Wetter zu einem Prozess der laufenden physischen Veränderung. Dadurch wird das Bauwerk auf ewig eine starke Verbindung mit dem Wald haben, aus dem es entstanden ist.

Übersetzung: Jan Hobel Originaltext englisch: Alison Morris

Ökumenische Segnung der Wegkapelle in Unterliezheim am Radweg von Unterliezheim nach Finningen

Samstag, 15. Dezember 2018

Bauherr
Siegfried und Elfriede Denzel Stiftung

Design
John Pawson

Sponsor
Thomas Dinesen

Holzbau
Gumpp & Maier

Koordinaten:

Längengrad: 48.69232 / Breitengrad: 10.52052

Anfahrt:

Google Map Routing: HIER

Weitere Fotos: